Alt werden in Oberösterreich: Die Betreuungsarchitektur 2040
Pflege neu denken
Die Menschen in Oberösterreich werden älter – und das ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Gleichzeitig stellt diese Entwicklung unser Pflege- und Betreuungssystem vor große Herausforderungen. Bereits heute leben rund 42.000 Menschen über 85 Jahre in OÖ. Bis 2040 werden es um ca. 29.000 mehr sein. Gleichzeitig verändern sich familiäre Strukturen: mehr Menschen leben allein, Angehörige wohnen oft weiter entfernt und viele Frauen, die bisher einen großen Teil der Pflege übernommen haben, sind berufstätig. Das Land Oberösterreich reagiert darauf mit der „Betreuungsarchitektur 2040“, einem Zukunftsplan für Begleitung, Betreuung und Pflege. Der Grundgedanke ist: Menschen sollen möglichst lange selbstbestimmt in ihrem gewohnten Umfeld leben können. Pflege soll dort stattfinden, wo Menschen zuhause sind – unterstützt durch Angehörige, Nachbarschaften, mobile Dienste und professionelle Angebote.
Hin zu einem Netz der Unterstützung
Die Betreuungsarchitektur setzt auf zehn Handlungsfelder. Dazu gehören die Stärkung und Entlastung pflegender Angehöriger, neue Wohnformen im Alter, Tagesbetreuung, mobile Dienste, sorgende Gemeinschaften und digitale Unterstützungssysteme. Im Mittelpunkt steht der Grundsatz: „So viel Selbstständigkeit wie möglich, so viel Unterstützung wie nötig.“ Geplant ist ein so genanntes „bedarfsgerechtes Baukastensystem“: Ein flexibles Modell, das mobile und stationäre Pflegeformen bündelt. Pflege wird nicht mehr ausschließlich als Aufgabe von Heimen oder mobilen Diensten verstanden. Gemeinden, Vereine, Nachbarschaften und Ehrenamtliche sollen stärker eingebunden werden, um Lebensqualität zu schaffen und Einsamkeit vorzubeugen. Gleichzeitig birgt dies die große Gefahr, dass die Verantwortung für die Pflege auf regionale Sozialträger, Gemeinden und ehrenamtliche Strukturen abgewälzt wird. Vor allem unbezahlte Pflege- und Care-Arbeit lasten in erster Linie auf weiblichen Schultern, weshalb der Fokus auf mehr Ehrenamt kritisch gesehen werden muss. Alten- und Pflegeheime sollen zu Kompetenzzentren weiterentwickelt werden, und ihr Wissen auch außerhalb der eigenen Mauern zur Verfügung stellen.
Gute Ansätze brauchen ausreichend Personal
So erfreulich die Richtung ist, einige Fragen bleiben offen. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen setzen voraus, dass ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stehen. Genau hier liegt weiterhin eine der größten Herausforderungen. Ohne attraktive Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und wirksamer Entlastung wird auch die beste Strategie an Grenzen stoßen. Kritisch zu betrachten ist außerdem die starke Betonung von Eigenverantwortung und familiärer Unterstützung. Nicht alle Menschen verfügen über Angehörige oder ein tragfähiges soziales Netzwerk.Auch der Stellenwert von echter Prävention und Gesundheitsvorsorge im Alter muss noch deutlich höher angesetzt werden. Digitale Lösungen können hilfreich sein, etwa bei Sicherheit (z.B. bei Sturzgefahr), Kommunikation oder Organisation. Gleichzeitig bergen gerade digitale Hilfsmittel die Gefahr, dass in Grund- und Persönlichkeitsrechte eingegriffen wird.
Was jetzt wichtig ist
Der Ansatz der Betreuungsarchitektur ist vielfältig und am Wunsch vieler Menschen orientiert, zuhause alt zu werden. Gleichzeitig fehlen konkrete Pläne für Gesundheitsvorsorge und Prävention im Alter. Es braucht verbindliche Umsetzungsschritte, ausreichend finanzielle Mittel und eine konsequente Stärkung der Pflegeberufe.