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01.07.2026 Oberösterreich

Der Lauf der Zeit

Foto: pixabay/info254

Unter Paradigmenwechsel versteht man den grundlegenden Wandel bisheriger Denkweisen oder Systeme, nachdem die alten Regeln nicht mehr gelten.

Paradigmenwechsel „light“ habe ich im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit, u. a. als Sozialarbeiterin in der Altenbetreuung, miterlebt bzw. auch mitgestaltet.

 

Mitte der 70er Jahre hatten die Klient:innen, damals noch nicht so bezeichnet, den Krieg erlebt. Sie zeigten sich eher bescheiden, außer es wurde Essen oder Trinken angeboten, autoritätsgläubig, die Männer erzählten vom Krieg. In den 50er Jahren wurden sogenannte Wärmestuben eingerichtet und damals auch als solche genutzt. Später waren sie als Seniorenklubs für Spielnachmittage und Reisevorträge beliebt. Die mobile Betreuung sah so aus, dass Frauen ohne spezielle Ausbildung in die Haushalte kamen und mit mehr oder weniger Engagement Versorgung anboten, wo sie gerade gebraucht wurde. Für die Hauskrankenpflege stand gerade einmal eine diplomierte Krankenschwester zur Verfügung. Es gab ein Wohnheim und zwei Pflegeheime, letztere mit Mehrbettzimmern, der Standard: warm, satt, sauber – Punkt.

 

Dann setzte ein Umdenken ein: Es wurde der Beruf der Altenbetreuer:in kreiert, einhergehend mit einer entsprechenden Ausbildung, die Hauskrankenpflege wurde erweitert. Es wurden Pflegeheime errichtet mit ansprechender Architektur und Einzelzimmern und z. T. integrierten Tageszentren. Dokumentation wurde Pflicht. Aber auch der Ruf nach „Effizienz“ wurde immer lauter, die Leistungen sollten optimiert werden durch entsprechende Vorgaben, die durchaus zu Lasten der Klient:innen gingen, da der Zeitdruck immer größer wurde.

 

Heute wird in der Betreuungsarchitektur des Landes OÖ an weiterer Optimierung des Vorhandenen gearbeitet. Ein Paradigmenwechsel ist das nicht! Zwar gibt es einige Initiativen in die richtige Richtung, wie gemeinschaftliche Wohnprojekte mit Sozialraumorientierung, diese aber sind immer auf „privates“ Engagement bzw. das Engagement einzelner Gemeinden zurückzuführen. Für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf, die in der eigenen Wohnung verbleiben wollen, gibt es nach wie vor keine Lösung, es sei denn, sie haben Angehörige, die sich ihrer annehmen, oder sie können sich eine kostspielige (und eigentlich prekäre) 24-Stunden-Betreuung leisten.

 

Hier ist ein Paradigmenwechsel dringend nötig!

Nordische Länder machen es vor: Alle bekommen die Betreuung, die sie brauchen (auch nachts). Dazu ist aber eine radikale Umstrukturierung der Angebotspalette Voraussetzung, in der z. B. zwischen mobiler und stationärer Betreuung nicht mehr unterschieden wird, sondern das eine wie das andere ausgehend vom jeweiligen Bedarf aus einer Hand angeboten wird. Auch das leider schon wieder eingestellte Care-Nursing wäre im Präventionsbereich von unentbehrlicher Bedeutung! Mittel dafür? Durch einen Paradigmenwechsel in Sachen Pflegegeld!?

"Wir sind eine andere Altengeneration als die der 70er Jahre! Es wird Zeit, unseren Anspruch auf Wahlfreiheit zur Gestaltung dieses Lebensabschnittes zu respektieren!"
Renate Lehner, Obfrau Gplus Linz