Evas Lesetipp: Wer bist du?
Eine Frau, verwitwet, allein, aber nicht einsam – so beschreibt sie sich. Ein neunjähriges Mädchen taucht vor ihrer Tür auf, mit einem angeblich vor dem Haus gefundenen Geldschein. Bei einer heißen Schokolade erzählt das Mädchen von sich. Kurze Zeit später wird es als vermisst gemeldet, und die Frau denkt viel über seine Geschichte nach. Die Gedanken werden zu reflektierenden Selbstgesprächen. Sie spricht mit sich, mit einer Puppe und mit den Leser:innen und wirkt dabei weder wunderlich noch schrullig. Selbstgespräche sind nicht verrückt, sie sind das Gegenteil, sagt sie.
Nach Jahren taucht das Mädchen als junge Frau wieder bei ihr auf. Es erzählt wiederum seine Geschichte. Es ist eine sehr absonderliche, unglaubliche Geschichte. Das Mädchen geht nicht mehr, es nistet sich im Haus der Frau und in ihrem Leben ein. Die Erzählung verschlingt sich zu verbalen Girlanden. Wer lügt wen an, und wer erzählt wem was? Wie viele kleine Lügen sind eine große Lüge?
Die Erzählung ist ein schmaler Band, wunderbar illustriert von Kat Menschik. Ein Bilderbuch sozusagen, das man locker während einer Zugfahrt von Linz nach Wien auslesen kann.
Monika Helfer erzählt grandios; man fühlt sich bei der Zugfahrt, als würde einem vorgelesen, während man sich in einen bequemen Sessel kuschelt und heiße Schokolade trinkt.
Zum Buch: Monika Helfer, Wer bist du?, illustriert von Kat Menschik, Galiani 2026, 96 Seiten.